Die Weisen wissen, dass viele sich nicht trauen, in Aktien zu
investieren. (Das sind diejenigen, die die Schritte fünf und sechs
übersprungen haben.) Ebenso freut es sie, dass die meisten Anlager meinen,
für eine Anlageentscheidung brauche man sehr viel Zeit. Damit das auch so
bleibt, erklären sie uns immer wieder in Werbespots, Zeitungsanzeigen und
Interviews, wie schwierig und zeitaufwendig die ganze finanzielle Angelegenheit ist.
Um die Kompliziertheit der Materie zu demonstrieren, benutzen sie
einen schwer verständlichen, mit englischen Fachausdrücken durchsetzten
Jargon. "Was, Sie Idiot? Sie wollen etwas über den Aktienhandel erfahren
und wissen nicht was eine PE-Ratio ist? Lernen Sie erst mal anständig
Finanzisch, damit Sie überhaupt mitreden können." Lässt man die
Botschaften der Weisen auf sich einwirken, kommt man unweigerlich zu dem
Schluss, dass man für die Aktienanlage einfach zu blöde ist. Und zu wenig
Kohle hat man sowieso: "Was, Sie wollen nur 10000 Euro in Aktien anlegen?
Da können Sie doch gar nicht richtig diversifizieren. Das ist viel zu
gefährlich!" Ist es nicht bemerkenswert, wie bedrohlich ein Fremdwort für
das schöne Wort "Streuung" klingen kann, wenn es aus dem Mund der Weisen
kommt?
Das Angebot der Weisen
Für die Profis ist das
praktisch; denn wenn sie uns von unserer Unzulänglichkeit überzeugt haben,
können sie uns endlich ihre unverzichtbaren Dienste anbieten. Sie haben
nämlich etwas sehr Schönes, den Aktienfonds, erfunden. Seine Idee ist
eigentlich ganz einfach: Viele Kleinanleger -so nennt man gerne
diskriminierend die armen Proleten mit weniger als einer Million auf der
hohen Kante - zahlen einmalig oder regelmäßig kleine Beträge in einen
großen Topf, den so genannten Fonds (sprich: fon mit nasalem n und ohne s) ein. Dafür erhalten sie Anteile am
Fonds. Das Geld aus diesem Topf wird dann von den Weisen verwaltet, die
dafür (breit gestreut!) Aktien kaufen, diese anständig steigen lassen und
mit großem Gewinn weiterverhökern. Dann werden wieder neue, unterbewertete
Aktien gekauft, und das Spiel geht von vorne los. Da das Fondsvermögen
wegen dieser professionellen Verwaltung langfristig steigt, erhöht sich
auch der Wert der Fondsanteile der Kleinanleger. Ein genialer
Plan!
Wirklich genial! Aber das funktioniert natürlich nur, wenn
die Weisen ihr ganzes Wissen und ihre teure Zeit nur der Verwaltung des
Fonds widmen. Weise ausgedrückt heißt das "professionelles
Fondsmanagement". Management bedeutet, dass dieses Team von Experten, die
Fondsmanager, ständig gut aufpasst, dass ja keine der Aktien sich schlecht
benimmt und etwa nicht mehr so schön steigt, wie man sich das vorgestellt
hat, oder gar zu fallen droht. Dann wird sie gnadenlos aus dem Fonds
geworfen. Später, wenn sie billiger geworden ist, kann man sie ja listig,
listig wieder zurückkaufen. Und natürlich muss das Managementteam jeden
Tag an der Börse nachschauen, ob nicht irgendein Schnäppchen zu erstehen
ist. Ein anstrengender Job, aber notwendig, da er der Wertentwicklung
dient. Der Leser merkt es: Diese Arbeit ist wichtig! Da ist es doch nur
gerecht, wenn die Fondsmanager und die Gesellschaft, die diesen Fonds als
eines ihrer vielen Angebote vermarktet, dafür vernünftig bezahlt
werden.
Leistung muss belohnt werden!
Ja, das klingt
anständig. Wenn sie es schaffen, eine gute Wertentwicklung zustande zu
bringen, sollen sie dafür auch belohnt werden. Wie sehen diese Belohnungen
aus? Nun, da ist zunächst einmal der so genannte "Ausgabeaufschlag". In
Deutschland beträgt er typischerweise zwischen vier und sechs Prozent. Was
das heißt? Ganz einfach: Wer für 100 Euro Anteile eines Fonds mit fünf
Prozent Ausgabeaufschlag kauft, zahlt 95 Euro in den großen Topf. Von den
restlichen fünf Euro geht ein bestimmter Prozentsatz an die Bank, die dem
Kunden den Fonds verkauft hat. Das ist ein Honorar für so genannte
Beratungsleistung. Was dann übrig bleibt, geht an die Fondsgesellschaft,
denn die muss ja die Fondsmanager bezahlen und außerdem ihre Werbung
finanzieren, damit noch mehr Leute Anteile an dem schönen Fonds kaufen
können. Weil der Kunde einen solchen Anteil nach dem Kauf in der Regel
viele Jahre nicht anrührt und einfach in seinem Depot liegen lässt, die
Fondsmanager aber immer noch die ganze Zeit aufpassen, wird darüber hinaus
eine jährliche Verwaltungsgebühr fällig, die meistens ungefähr ein Prozent
beträgt. Davon merkt der Kunde nichts, da sie direkt dem Fondsvermögen
entnommen wird und damit lediglich den Wert eines Anteils geringfügig
schmälert.
Und wie misst man die Leistung der
Profis?
Eigentlich gar kein Problem! Leistung muss bezahlt werden,
und gute Leistung wird gut bezahlt! Woran kann man die Leistung eines
Managementteams messen? Damit wären wir wieder beim DAX, dem Deutschen
Aktienindex. Dieser dient als Maß für die Wertentwicklung der Aktien der
30 größten Aktiengesellschaften Deutschlands. Seinen Wert kann jeder
täglich in der Zeitung nachlesen oder, wenn er es wirklich ganz genau
wissen will, immer aktuell während der Börsensitzungen, so nennt man das
Handelsgeschehen, auf der Website der Deutschen Börse erfahren. Wenn man
allgemein von der Marktentwicklung spricht, meint man eigentlich den DAX.
Er repräsentiert quasi den Marktdurchschnitt. Die meisten Aktienfonds, die
in deutsche Aktien investieren, versprechen in ihren Werbebroschüren, dass
sie sich am DAX orientieren und ihn, da sie ja von den Weisen verwaltet
werden, zu schlagen versuchen. "Den DAX schlagen" bedeutet in diesem
Zusammenhang nicht, dass sie ein armes, unter Naturschutz stehendes
Säugetier verprügeln wollen, sondern dass ihr Fonds in seiner
Wertentwicklung besser als der DAX sein soll. Von Oma Krause und ihrem
Kanarienvogel (und natürlich vom Deutschen Aktieninstitut) haben wir
gelernt, dass man selbst mit Depots aus fünf willkürlich ausgewählten
Aktien im Zehnjahreszeitraum eine gute Rendite erzielt. Von einem
professionell verwalteten Fonds muss man also mehr, viel mehr erwarten.
Die Profis haben nämlich bessere Werkzeuge als
Zufallsgeneratoren.
Wie gut sind unsere Fondsmanager?
Bei
einem saftigen Ausgabeaufschlag und einer jährlichen Verwaltungsgebühr
sollte man eigentlich meinen, dass dies ohne weiteres möglich ist; denn
schließlich hat der Käufer der Fondsanteile genug an die Weisen für ihr
Können und ihre Arbeit bezahlt. Jeder Anleger, der dieses Kapitel liest, wird
vermuten, dass jetzt der Haken des ganzen genialen Fondsplans kommt. Und,
richtig! Normalerweise schneiden nämlich über
80% aller Deutschen Aktienfonds in Fünf- und Zehnjahreszeiträumen
schlechter ab als der DAX, als der Marktdurchschnitt also!
Bei den
Gebühren, die man für die Weise Vermögensverwaltung bezahlt, kann man
mehr Leistung erwarten. Oder etwa nicht? Es müssten
sich auch alle über diesen Sachverhalt aufregen. Aber weit gefehlt!
Regelmäßig werden im Wirtschaftsteil der Zeitungen und im Fernsehen die
einschlägigen Zahlen veröffentlicht, aber der kollektive Aufschrei der
Kleinanleger bleibt aus. Vielmehr lassen sich Jahr für Jahr mehr Deutsche
auf diese Art und Weise ausnehmen, indem sie für unterdurchschnittliche
Wertentwicklung horrende Gebühren bezahlen. Wir
haben dafür keine schlüssige Erklärung. Vielleicht wollen die Leute ja
wirklich über den Tisch gezogen werden?
Kann man nicht einfach
die besten Fonds auswählen?
Der noch nicht vollständig
konvertierte Leser mag nun einwenden, man müsse dann doch nur einen der
Fonds aus der erlesenen Gesellschaft derer kaufen, die besser als der
Index performen (Wir wollten unbedingt das Weise Wort für Wertentwicklung
erwähnen: Performance!). Es könne doch nicht so schwierig sein, einen der
20% besser abschneidenden Fonds zu erstehen. Auch das stimmt leider nicht.
Die Statistik zeigt, dass kaum ein Fonds es schafft, langfristig besser
als der DAX dazustehen. Vielmehr sieht es so aus, dass ein Fonds der in
einem Jahr zu den besten seiner Klasse gehörte, im nächsten Jahr mit
großer Wahrscheinlichkeit zu den Schwächlingen zählt. Wie heißt es so
schön im Kleingedruckten vieler Fondsbroschüren? "Die Wertentwicklung der
Fondsanteile in der Vergangenheit ist keinerlei Garantie für künftige
Wertentwicklung."
80% aller Fonds sind schlechter als der Markt.
Das ist Fakt!
Mit anderen Worten: Wenn man in der Lage ist, einfach
den Marktdurchschnitt, nämlich den DAX, zu kaufen, schlägt man automatisch
80% aller hoch bezahlten Profis über einen Zeitraum von fünf Jahren! Habt
Ihr gemerkt, dass in diesem Satz kein Konjunktiv enthalten ist? Dies
sollte Euch neugierig auf den achten Schritt machen. Es ist phantastisch.
In welchem anderen Bereich des täglichen Lebens kann ein untrainierter
Amateur die überwältigende Mehrheit der Profis schlagen? Eine
Gehirnoperation in der Garage würde sicherlich niemand ernsthaft
versuchen.
Als Weise Begründung für das konsequent schlechte
Abschneiden der Fondsmanager muss die so genannte Theorie von der
Effizienz der Märkte herhalten: Selbst die Profis, denen alle Nachrichten
und Informationen auf Knopfdruck binnen Sekundenschnelle zur Verfügung
stehen, können sich angeblich keinen Vorteil gegenüber dem Rest des
Marktes verschaffen. Das mag für Fondsmanager zutreffen, die dem starken
Rechtfertigungsdruck seitens der interessierten Öffentlichkeit, der
Investoren und der Vorgesetzten ausgesetzt sind. Sie müssen auf die
kurzfristige Performance achten und so ziemlich jeden
Firlefanz im täglichen Auf und Ab der Märkte mitmachen. Mit unserer Langzeitstrategie sind wir diesem Druck nicht ausgesetzt und können das hektische
Getue der Masse ignorieren.
Oma Krause hat übrigens keinerlei
Ärger mit Aktienfonds; denn sie besitzt keine Fondsanteile. Vor kurzem hat
sie angefangen, sich an der Börse zu engagieren. Sie
kennt nämlich einen Fondsmanager, der ein wenig aus dem Nähkästchen
geplaudert und ihr etwas besseres empfohlen hat. Dieser Fondsmanager ist
kein anderer als ihr Neffe Ferdinand. Was er ihr geraten hat, erfahren wir
im nächsten Schritt
über die schmerzfreie Aktienanlage für Faulpelze.